Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (2024)

Das Museum Brandhorst richtet für Andy Warhol und Keith Haring die erste gemeinsame Ausstellung aus. Sie führt in die glitzernde Partywelt der Achtziger.
Christa Sigg|
Merken 0 Kommentare

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (1)

Teilen
Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (2)

Nan Goldin, Courtesy Nan Goldin, New York6 Erst hat sich Keith Haring (links) nicht getraut, den großen Andy Warhol anzusprechen. Dann sind die beiden aber schnell Freunde geworden. Und in diesem Fall wurden sie gleich noch im New Yorker Palladium Club von einer fabelhaften Szenefotokünstlerin abgelichtet: Nan Goldin.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (3)

Rogath Family Collection, Courtesy of Prince & Wooster / The Keith Haring Foundation6 "Andy Mouse": Keith Haring hat hier seinem Freund Andy Warhol eine witzige, liebevolle Hommage gemalt. Freilich mit einem kleinen Seitenhieb, Warhol war durchaus am Profit orientiert.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (4)

Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München / 2024 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York.6 Andy Warhol war politischer als man denkt. Das zeigt etwa sein Siebdruck "Hammer und Sichel" von 1976. Die Udo und Anette Brandhorst Sammlung besitzt ein Exemplar.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (5)

Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München / The Keith Haring Foundation, New York, NY6 Keith Haring setzt sich ganz massiv für die Rechte der hom*osexuellen und gegen die Ausgrenzung in Zeiten von Aids ein. Zum Beispiel mit der Offsetlithografie "Ignorance = Fear" von 1989.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (6)

Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München6 Andy Warhol hat seine Dragqueens "Ladies and Gentlemen" Mitte der 70er Jahre auf die Leinwand gebracht, dafür hat es damals durchaus Mut gebraucht.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (7)

Courtesy of Pace Prints / Keith Haring Foundation6 Nach der Party kam das große Erwachen. Keith Haring verarbeitet seine Todesängste 1988 gemeinsam mit dem Autor William S. Burroughs im Zyklus "Apocalypse". Und man sieht, auch die Mona Lisa bleibt nicht verschont. Hier die Tafel Nummer 6. Der Zyklus ist übrigens ein Neuzugang der Udo und Anette Brandhorst Sammlung.

Klar, ist man in der Kunstwelt gleich ganz "eng" miteinander, die wirklich Großen können sich vor "Best friends forever" sowieso nicht retten. Und würde man das nur in ein paar Fällen grob durchrechnen, wäre einer wie Andy Warhol gar nie zum Arbeiten gekommen. Und womöglich hätte er jeden Abend mit mindestens zehn Leuten tiefgründig plaudernd auf dem Sofa gesessen. Dass sich ausgerechnet ein Seelenverwandter wie Keith Haring anfangs nicht einmal getraut hat, sein Idol anzusprechen, ist da geradezu rührend - und vielleicht der entscheidende Punkt.

Für Warhol ist der Nerd-Brillen-Boy Haring Inspiration pur

Es gab eine besondere Wertschätzung, naturgemäß zunächst von Haring dem 30 Jahre älteren Starkollegen gegenüber, aber dann auch umgekehrt. Der 1928 geborene Warhol hatte sofort begriffen, dass ihn der weltumarmend nette Nerd-Brillen-Boy inspirieren konnte. Mit Mitte 50 kreiselte er schon eine Weile um sich selbst, seine Factory funktionierte eine Spur zu gut, und so wurde Haring zum neuen Stimulans für den King of Pop Art.

Eigentlich ist es kurios, dass diesem attraktiven Duo erst 40 Jahre nach ihrem Kennenlernen eine gemeinsame institutionelle Ausstellung ausgerichtet wird. Endlich, muss man sagen. Denn nachdem Warhol die Kunstwelt mit seinen Siebdrucken von Marilyn bis Elvis regelrecht geflutet hatte, trieb Haring den knallbunten Pop im großen Stil weiter und aus den Galerien und Sammler-Apartments auf die Straße hinaus. In die U-Bahn, auf Buttons, T-Shirts, Tassen und Taschen.

Lesen Sie auch

Banksy im Münchner Untergrund

Lesen Sie auch

"Absage fiel uns tatsächlich schwer": Christie's-Vorstand erklärt Details ...

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (10)

Bei der Vermarktung hat es der Jungspund dem Altmeister gezeigt

Wie Flummibälle tanzen, zappeln und hüpfen überall seine comichaften Figuren, bellen krokodilschnäuzige Hunde und krabbeln Strahlenbabys. Bei der Vermarktung hat der Jungspund dem Altmeister gezeigt, dass man mit Kunst tatsächlich jede und jeden erreichen kann. Lange bevor das Internet breitenwirksam in die Gänge kam, ganz zu schweigen von Social Media und Influencern.

Man kann das ruhig als Wendepunkt bezeichnen, letztlich auch als Demokratisierung der Kunst, die durch Discos, Hip-Hop, MTV und überhaupt das New Yorker Brodeln und Durcheinandermischen erst möglich wurde. Für viele, nicht nur die Künstlerinnen und Künstler, war das eine einzige endlose Party oder "Party of Life", wie es im Titel der Schau heißt.

Fotografien und schnelle Polaroids sprechen eine eigene Sprache, und man ist - im Zeitalter von Filterblasen, virtuell beförderter Einsamkeit und im Nachklang der Corona-Pandemie - verblüfft von der ganz unkomplizierten Nähe in den Clubs, in Warhols Factory oder in Harings "Pop Shops". Dort entwickelte er ein Merchandising-Modell, das erst Jahre später in anderen Branchen wie dem Sport und selbst im eigenen Metier so richtig zünden sollte.

Haring ist in allem offensiver, auch als schwuler Aktivist

Doch man darf sich nicht täuschen, neben der großen Sause zwischen Celebrities wie Madonna und unzähligen Szenegängern hatte das Ernste sehr wohl seinen Platz. Man erinnere sich an Pershings und SS-20-Raketen, das nukleare Wettrüsten von West und Ost konnte keinen unberührt lassen, zumal in einem klirrend Kalten Krieg, der ständig drohte, rasselnd heiß zu werden.

Dass Joseph Beuys die Grünen unterstützt hat, auch eingedenk der eigenen Fronterfahrungen, ist noch im Gedächtnis. Dass er den vermeintlich unpolitischen US-Kollegen 1979 dazu brachte, das Plakat "Andy Warhol für die Grünen" zu pinseln, hat man nicht unbedingt auf dem Schirm. Die riesigen Hammer-und-Sichel-Drucke seit Mitte der Siebziger tun ein Übriges, Joseph McCarthys gnadenlose Kommunisten-Jagd lag da erst 20 Jahre zurück und saß noch in den Köpfen.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (12)

Wobei Haring sehr viel offensiver unterwegs war: mit seiner Kritik am Apartheidsregime Südafrikas und anderem Rassismus, vor allem aber im Einsatz für die Rechte einer queeren Community. Im Gegensatz zu Warhol, der lebenslang ein Coming-out vermied, bekannte sich Haring ohne Umschweife zu seiner hom*osexualität, entwarf Poster gegen Ausgrenzung, porträtierte sich und seinen Partner Juan Dubose zu einer Person verschwimmend - das sind mit die stärksten Arbeiten - und wurde wie so viele vom Aids-Virus ausgebremst.

Haring erhielt die Diagnose 1987, im Jahr von Warhols überraschendem Tod bei einer an sich simplen Gallenblasenoperation. Völlig erschüttert erklärte der eh schon gebeutelte Künstler, dass er "egoistischerweise" mehr verloren habe als die meisten anderen. Einen Freund nämlich, Lehrer und den "größten Unterstützer in der wahren Kunstwelt".

Die humorvollen "Andy Mouse"-Hommagen, die teils von Dollar-Noten umspült werden, sind plötzlich Vergangenheit. Kreuze tauchen auf, viele sogar, und 1988 reflektiert Haring das Ende in einem dichten Gemeinschaftswerk mit dem Autor William S. Burroughs. Der Titel "Apocalypse" sagt alles, selbst die Mona Lisa bleibt nicht verschont in diesem Weltuntergangsszenario aus Atompilzen, Teufelshörnern, unheilvollen Maschinerien, Monstern und Strichmännchen.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (13)

Haring hat nur mehr zwei Jahre, die er wie im Rausch weiterarbeitet. Jetzt aufzugeben und in einer Phase, in der alles Erkämpfte zu bröckeln droht, die künstlerischen Waffen zu strecken, wäre das falsche Zeichen gewesen. Man denke an Warhols umwerfende "Ladies and Gentlemen", das sind die Make-up-übertünchten Dragqueens, die derzeit auch durch die Berliner Neue Nationalgalerie lächeln. Für deren Darstellung hat es 1975 beträchtlichen Mut gebraucht, da war der nicht eben schwulenfreundliche US-Präsident Nixon gerade erst abgetreten.

"Andy Warhol & Keith Haring. Party of Life” bis 26. Januar 2025 im Museum Brandhorst, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr. Statt eines Katalogs gibt es ein Heft, das in Kooperation mit dem "Art"- Magazin entstanden ist (130 Seiten, 16 Euro).

  • Themen:
  • Michael Jackson
  • Präsidenten der USA

0 Kommentare

Artikel kommentieren

Noch keine Kommentare vorhanden.

Andy Warhol und Keith Haring im Museum Brandhorst: Freundschaft wie im Bilderbuch (2024)

References

Top Articles
Latest Posts
Article information

Author: Msgr. Refugio Daniel

Last Updated:

Views: 5922

Rating: 4.3 / 5 (74 voted)

Reviews: 81% of readers found this page helpful

Author information

Name: Msgr. Refugio Daniel

Birthday: 1999-09-15

Address: 8416 Beatty Center, Derekfort, VA 72092-0500

Phone: +6838967160603

Job: Mining Executive

Hobby: Woodworking, Knitting, Fishing, Coffee roasting, Kayaking, Horseback riding, Kite flying

Introduction: My name is Msgr. Refugio Daniel, I am a fine, precious, encouraging, calm, glamorous, vivacious, friendly person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.